Blind sehen

20.06.2014 22:01

Fühlen statt Sehen: Amelie Marie Weber testet ein Leben ohne Augenlicht

Wie ich durch eine Stunde Dunkelheit, die Welt aus neuen Augen sehe.

Amelie Marie Weber, News4U

Wo auch immer mir ein blinder Mensch im Alltag begegnet, weiß ich nicht so recht, wie ich mich verhalten soll. Die rotweißen Blindenstöcke, die gelben Armbinden, die dunklen Sonnenbrillen... Das alles erschreckt mich irgendwie und auch wenn ich es nicht möchte, gehe ich mit blinden Menschen anders um als mit Sehenden. Ich möchte nicht sagen, dass ich Angst vor Blinden habe. Respekt trifft es wohl ziemlich gut.

Als ich von der Aktion „Dunkelerleben“ in der Rhein-Sieg-Halle gehört habe, war ich daher auch erst mal vorsichtig. Ein Spaziergang in völliger Dunkelheit, die Umgebung mit anderen Sinnen wahrnehmen, nur Hören, Fühlen, Schmecken und Riechen. Das klingt doch ziemlich befremdlich. Trotzdem oder gerade deswegen stellte ich mich dieser Aufgabe. In der Rhein-Sieg-Halle besuchte ich am Freitagnachmittag einen Parcours, in dem die Besucher eine Zeit lang blind sein können.

Mein Handy musste ich bei der Garderobe abgeben, denn es darf keine Lichtquelle im Innern des Pfades geben. Durch einen Gang gelange ich zum Beginn des Parcours. Und dann ist es dunkel. Völlig alleine laufe ich los, ohne zu wissen, wo ich eigentlich bin und was um mich herum passiert. Ich höre leise Geräusche, Vogelgezwitscher und Waldrauschen. Leichter Wind bläst mir um die Nase und ich fühle etwas Pelziges neben mir. Schafsfell? Bin ich gerade auf einer Weide? Keine Ahnung.

Ich laufe weiter. Ich fühle mich sehr alleine in der Dunkelheit. Der Boden wird uneben und ich laufe jetzt bergauf. Ich frage mich, wie es hier wohl aussieht, wenn das Licht angeschaltet ist. Ob ich blöd wirke, wie ich da hilflos mit den Armen tastend durch den Parcours laufe? Eigentlich braucht es mich nicht zu interessieren. Schließlich ist es dunkel. Trotzdem beschäftigt es mich. Ich höre jetzt Meeresrauschen und der Wind wird stärker. Plötzlich versperrt mir etwas Großes den Weg. Es ist aus Holz und rund. Der Mast eines Schiffes? Ich taste mich weiter und erschrecke, als etwas mein Gesicht streift. Waren das Federn? Ich höre die Schreie von Möwen. Es waren Federn... Es war eine Möwe.

Manchmal versuche ich, die Augen aufzureißen, weil ich denke, ich hätte sie geschlossen. Meine Augen sind aber die ganze Zeit auf und ich sehe trotzdem nichts. Ich gehe langsam weiter. Schritt für Schritt. Mir fällt auf, dass ich jetzt viel intensiver höre und rieche. Neben mir ertaste ich jetzt einen Tisch, auf dem Schuhe, Teller, Besteck und eine Blumenvase stehen. Etwas weiter stoße ich auf Obst und Gemüse. Um welche Nahrungsmittel es sich genau handelt, kann ich allerdings nicht genau sagen. Dazu bin ich vielleicht noch zu ungeübt. Um mich herum höre ich die Stimmen von vielen Menschen, die sich unterhalten. Vielleicht befinde ich mich gerade auf einem Markt?

Plötzlich stoße ich auf etwas Warmes und trete auf etwas Hartes – es ist ein Fuß. Vor mir steht tatsächlich eine Person, ich bin nicht mehr ganz alleine und das beruhigt mich ungemein. „Entschuldigung“, sage ich und eine freundliche Frauenstimme antwortet: „Nichts passiert!“ Mit einer Person zu sprechen, von der ich gar nicht weiß, wie sie aussieht, ist komisch. Keine Ahnung, wie ich mich verhalten soll. Mein Gegenüber weiß das allerdings auch nicht und deshalb kichern wir beide nervös.

Eine dritte Stimme stößt hinzu. Es ist eine tiefe Männerstimme. „Hallo, ich bin Noêl. Wer bist du?“, fragt er. Es stellt sich heraus, dass wir am Eingang eines Dunkelcafés angelangt sind und dass Noêl unsere Bedienung ist. Er reicht mir seine Hand und führt mich zu einem Tisch. Ich setze mich und spüre, ohne dass ich es begründen kann, dass noch andere Menschen an diesem Tisch sitzen. „Hallo“, sage ich einfach mal in die Dunkelheit und es kommen gleich drei freundliche „Hallo“ zurück. Noêl fragt, ob wir etwas trinken und essen wollen und wir sind alle einverstanden. Was es gibt, wird nicht verraten. Es herrscht ein wenig unangenehme Stille an unserem Tisch. Ich bin überwältigt von all den neuen Eindrücken und die ungewohnte Situation überfordert mich. „Was ist, wenn ich mir das Getränk überschütte?“, fragt eine Person in die Runde. „Oh je, darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht.“, sagt eine andere. Ich mache mir ehrlich gesagt mehr Gedanken über das blinde Essen mit Messer und Gabel. Was, wenn es Suppe gibt? In der Dunkelheit achte ich automatisch darauf, was an den anderen Tischen gesprochen wird. Ich stelle mir vor, wer wohl an den Tischen um mich herum sitzt und frage mich, ob sich die anderen auch so hilflos fühlen.

Wir müssen nicht lange warten. Zum Trinken werden uns Becher mit einem leckeren Fruchtsaft gereicht. Wir sind uns nicht einig, ob es Maracuja oder Mango ist, aber es schmeckt lecker und sehr intensiv, was wahrscheinlich daran liegt, dass man sich nur auf den Geschmack und nicht auf das Aussehen des Getränks konzentriert. Dann kommt das Essen. Ich ahne nichts böses und steche mit der Gabel etwas von meinem Teller auf. Ich beiße auf ein Stück rohe Zwiebel. Igitt! Damit hätte ich wirklich nicht gerechnet. Ängstlich stochere ich in meinem unbekannten Essen rum und stelle fest, dass zusätzlich zu den rohen Zwiebeln auch Thunfisch und Mayonnaise auf meinem Teller ist. Ich muss sagen, dass dieses Gericht nicht gerade mein Lieblingsessen ist. Doch es gibt auch was Positives am Dunkelcafé: Die anderen am Tisch merken nicht, dass ich meinen Teller nicht leer gegessen habe!

Als ich Noêl zu mir rufe, um ihm zu sagen, dass ich gerne gehen möchte, gibt er mir seine Hand und begleitet mich zum Ausgang. Und dann ist es plötzlich wieder hell. Nach ca 45 Minuten verlasse ich den Parcours und habe definitiv eine Erfahrung gemacht, die ich erst einmal verarbeiten muss. Wenn solch ein Parcours schon so eine Schwierigkeit für mich darstellt, wie geht es dann den Menschen, die im Alltag blind zurecht kommen müssen? Das ist die Frage, die mich nach meinem „Dunkelerlebnis“ am meisten beschäftigt.

Im Anschluss treffe ich Anna. Sie ist 16 Jahre alt und hat bereits ihre Ausbildung zur Jugendleiterin absolviert. Im Kirchenkreis Obere Nahe, der den Dunkelpfad organisiert hat, hilft sie bei der Jugendarbeit.

Anna, worum geht es bei eurem Projekt?

Wir wollen Menschen die Möglichkeit geben, auszuprobieren, wie es ist, blind zu sein.

Wie habt ihr den Parcours geplant?

Wir haben mehrere Vorbereitungstreffen gehabt, bei denen wir uns Gedanken gemacht haben, was uns interessieren würde. Es waren auch einige Blinde in die Planung involviert, die uns Tipps gegeben haben, was spannend für die Besucher sein könnte.

Denkst du, dass der Parcours für mehr Toleranz gegenüber blinden Menschen sorgen kann?

Es ist eine Erfahrung, die man so schnell nicht vergisst. Die Hemmschwelle gegenüber blinden Menschen sinkt mit Sicherheit, wenn man mal selbst erlebt hat, wie es ist, nichts sehen zu können. Um blinden Menschen den Alltag zu erleichtern, wird zwar schon viel getan, das ist aber lange nicht genug.    


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