Wo die Mädchenwelt aufhört und die große weite Welt beginnt

21.06.2014 18:22

„Gretchen reloaded“ - wie Schauspielerin Sonni Maier mit ihrem Solostück die Zuschauer beeindruckt. 
Amelie Marie Weber, News4U

Als Sonni Maier in der Schule „Faust“ von Goethe gelesen hat, war sie hellauf begeistert, im Gegensatz zu den meisten ihrer Mitschüler. Besonders die Gretchentragödie, die klassische Geschichte einer tragischen Teenagerschwangerschaft, hatte es ihr angetan. Als sie später Schauspielerin wurde, wusste sie allerdings nicht, wie sie das 200 Jahre alte Drama von Goethe so in ein modernes Theaterstück verwandeln soll, dass die Leute sich dafür interessieren. Sie verwarf ihre Idee. Doch Jahre später liest Maier in der Zeitung vom Fund mehrerer Babyleichen, getötet von den eigenen Müttern. Genau wie Gretchen sind es Teenager-Mütter, die nicht mehr weiter wissen. Maier wird klar: Gretchens Problem ist aktueller denn je. Es entsteht ihr Theaterstück - „Gretchen reloaded“.

Protagonistin Jenny hat neun Monate lang ihren Babybauch unter weiten Pullis versteckt. Niemand durfte wissen, dass sie schwanger ist, doch nun ist es da, das Baby. Blutverschmiert kommt Jenny auf die Bühne, im Hintergrund hört der Zuschauer das Schreien eines Säuglings. Verzweifelt sieht sich Jenny um. Sie steht in ihrem Wohnzimmer. „Da ist nix!“, redet sie sich ein. Doch das laute Weinen im Nebenzimmer lässt nicht nach. Jenny will nicht wahrhaben, dass sie gerade tatsächlich Mutter geworden ist. Hilflos greift sie nach ihrem Kuscheltier, das auf der Couch liegt. Sie ist ahnungslos, wie es weiter gehen soll. Sie ist wütend, dass sie so alleine ist. Aber Jenny muss sich jetzt entscheiden: Was tun mit dem Kind?

In ihrer Verzweiflung erzählt Jenny ihrem Kuscheltier die Geschichte eines Mädchens, das frei und fröhlich durch sein Mädchenland flog, bis es an die Grenze zur großen weiten Welt gelangte. „Und auf einmal stand das Mädchen in der großen weiten Welt. Aber die war gar nicht so bunt und schön, wie das Mädchen gedacht hatte. Und als sie sich umdrehte, war die Tür zum Mädchenland verschlossen und sie konnte nicht mehr zurück.“ Zurück kann Jenny auch nicht mehr. Selbst wenn sie sich nichts sehnlicher wünschen würde. „Geh weg“, schreit sie in Richtung der Tür, hinter der sich ihr Baby verbirgt, „geh dahin zurück, wo du her gekommen bist.“

Im Laufe von „Gretchen reloaded“ erfahren die Zuschauer, dass der Vater des Kindes ein wesentlich älterer Freund von Jenny ist, der seit ihrer Schwangerschaft nichts mehr von ihr wissen will, dass sie keinen Schulabschluss hat und dass ihre Eltern und ihre Freunde nicht mal bemerkt haben, dass sie schwanger ist. Jenny fühlt sich im Stich gelassen. Babyklappe? Adoption? Sie kann sich mit keiner der Möglichkeiten so richtig anfreunden und wird von Minute zu Minute verzweifelter. Doch am Ende trifft sie eine Entscheidung.

„Gretchen reloaded“ ist ein beklemmendes und tiefgründiges Solostück, das die Zuschauer zum Nachdenken anregt und an einigen Stellen auch schockiert. Sonni Maier überzeugt in ihrer Rolle als Jenny und es gelingt ihr, deren Verzweiflung und Unentschlossenheit deutlich zu machen. Seit sechs Jahren reist sie mit dem Stück durch Deutschland und tritt vor allem in Schulen auf. Sie möchte auf die Probleme von Teenagermüttern aufmerksam machen und dazu beitragen, dass diese respektiert werden und Hilfe bekommen.

Kommentar:
Jedes Jahr werden in Deutschland etwa 15.000 bis 20.000 Minderjährige schwanger. Für fast jede ist es ein großer Schock, denn die meisten Schwangerschaften sind nicht geplant. Etwa 50 Prozent dieser ungewollten Babys werden abgetrieben. Erschreckend oft verheimlichen junge Frauen ihre Schwangerschaft und werden, laut Terre des Hommes, nach der Geburt zu Kindsmörderinnen. „Gretchen reloaded“ hat mich definitiv zum Nachdenken gebracht. Wie verzweifelt die jungen Mädchen sein müssen, um eine solche Tat zu begehen, ist trotzdem kaum vorstellbar. Junge Mädchen sollten sich in unserer Gesellschaft nicht für eine Schwangerschaft schämen. Wer in einer so schwierigen Situation steckt, darrf nicht abgestoßen werden, sondern muss Hilfe bekommen. Ich denke, dass viele junge Schwangere abtreiben, weil sie dem gesellschaftlichen Druck und der Verurteilung durch andere nicht standhalten würden. Es ist häufig der Fall, dass jungen Müttern vorgeworfen wird, dass sie beim Verhüten nicht richtig aufgepasst haben und selbst für die missliche Lage verantwortlich sind. Doch es gibt sehr viele unterschiedliche Gründe, warum Minderjährige schwanger werden. Jede von ihnen, die den Mut und die Kraft aufbringt, ein Kind zu behalten und es großzuziehen, verdient Respekt und Anerkennung. Ich denke, dass das jedem klar wird, der das Stück „Gretchen reloaded“ gesehen hat.


<- Zurück zu: Der News-Blog vom Jugendcamp